Die Karte auf dem Rücksitzmonitor vor mir an Bord Aerolineas Argentinas 747-400  zeigte 10.093 Kilometer Entfernung an und eine geschätzte Flugdauer von 11 Stunden und 55 Minuten. Der Flug von Gatwick nach Madrid vorher war ohne  Zwischenfälle verlaufen und wir hofften, dass die lange Strecke nach Buenos Aires genau so reibungslos sein würde. Ich fliege ungern und obwohl die Reichweite des Flugzeugs 3.500 Kilometer weiter war als unsere Reiseentfernung, würde  ein Gegenwind  dies um die Hälfte reduzieren.

Wir sind in der Luft, das schwer beladene Großraumflugzeug hievt sich hoch. Mit Flügeln so breit wie ein Fußballfeld biegt sich alles mit der Belastung. Es herrscht  Vollmond, er illuminiert den Backbordflügel mit kleinen Augenbrauen, die verwundert über das Meer der Ruhe schauen. Der Kontrast zwischen dem Widerschein der Sonne und der Dunkelheit des Universums ist riesig und der Mond das einzige, was du sehen kannst. Der Kapitän wünscht uns eine angenehme Reise während wir in einer Höhe von 10,000 Kilometern bei minus 17 Grad durch diese jetzt schwarze Leere rasen.

Eingequetscht zwischen unserem Mediziner, Dr. Taylor und einem Jungen mit rundem Gesicht konnte ich den näher kommenden Servierwagen mit dem Essen riechen. In gewisser Hinsicht ist es eine limitierende Erfahrung in einem Flugzeug zu sein, weil deine Sinne von allem, das außerhalb ist, isoliert sind. Du fühlst weder den Kälteschmerz noch die Hitze des Dorthinkommens und erst recht hast du keine echte Ahnung, wo du bist in 10.000 Metern Höhe. Wenn es auf der Erde brennen würde, würdest du den Rauch nicht riechen, aber während du bis zu einem unvorstellbar hohen Punkt aufsteigst, kannst du zumindest deine Beine etwas ausstrecken und hörst das Klappern der Tabletts mit deinem Essen.

Die Fahrer haben sich zu einem Abenteuer angemeldet, das sie ihr Leben überdenken lassen mag - oder auch nicht. Aber gerade jetzt ist die einzige Entscheidung, die sie treffen müssen die, ob sie Hühnchen oder Rindfleisch essen wollen, ein Glas Rotwein dazu oder vielleicht einen trockeneren Pinot Grigio zum weißen Fleisch? Da hatte man zumindest was zu tun auf diesem langen, dunklen Flug.

Dr. Taylor liest ein Buch über die Anden und erzählt mir von den Mapuche- Indios, von denen 100.000 in Bariloche leben, einem Ort, durch den wir bald fahren werden im Westen Argentiniens. Die Dichter dort bemühen sich, ihre Identität als Mapuche da aufrecht zu erhalten, wo das letzte Symbol der Araukaner die Araukarie (engl.: „Monkey Puzzle Tree“) ist,  deren Pinienkerne früher das Grundnahrungsmittel dieses Volkes war. Die Mapuche betrinken sich oft und behaupten, das sei ihr Weg zur Erleuchtung, so ähnlich wie diese Pinot-Traube, die sich die größte Mühe gibt, die Trockenheit dieses nicht gerade denkwürdigen Essens wegzuwaschen.

Während des Fluges versorgt der ehrenwerte Doktor mich mit weiteren Fakten über die Welt, die wir bald erleben würden. Wusste ich, dass der Kapitän der HMS Beagle, Kapitän Fitzroy, der fünf Jahre mit Darwin gesegelt hatte, sich selbst die Kehle durchschnitten hatte und in seiner Kabine verblutet war? Scheinbar war er ein tief religiöser Mann, der aber zu Depressionen neigte. Ein Freund von mir bestreitet diese Behauptung, aber obwohl ich vor Selbstmord keine Angst habe und mich auch nicht seitens meiner Fahrer sorge, mache ich mir doch Gedanken. Denn bald werden sie einen Schuss Leben zwischen Argentinien und Alaska erfahren, dass sie so eine steife Brise schwer verkraften werden. Für manche wird es wie das Erklettern ihres persönlichen Gipfels wirken: 24.000 Meilen in neun Wochen Motorrad fahren, die Länge der gewaltigen Amerikas. Und neben dem Road-Trip wird jede Person eine Soloreise in ihren Kopf machen – da wird es hektische und komische Gedanken geben und ein Durcheinander, wo sie nach Antworten zu Fragen suchen werden,  die unmöglich zu finden sind.

Auf der anderen Seite der Anden, nicht weit von dort, wo wir schließlich landen werden, ist ein Berg namens Cerro Torre, eine nadelförmige Bergspitze aus kristallinem magmatischen Diorit, der aufgrund der Winde, die ihn mit bis zu 240 km/h umpeitschen, als unerklimmbar gilt. Der Italiener Cesar Maestri erhob Anspruch auf einen erfolgreichen Versuch bis zur Spitze im Jahr 1959, verlor aber alle Beweise, als sein Kamerad Toni Egger mit der einzigen Kamera zu Tode stürzte. Im Jahr 1970 unternahm Maestri einen erneuten Versuch, dieses Mal mit einem Bohrer bewaffnet, um einen festen Stand abzusichern. Dieses außergewöhnliche Kunststück wurde das Thema eines Films, Schrei aus Stein (1991). Es war eine Untersuchung dieses Aufstiegs vom deutschen Regisseur Werner Herzog, der die Rolle der traditionellen Kletterer und der neuen Bergsteiger dramatisierte.

Eine Motorradreise ist möglicherweise nicht so dramatisch wie etwas, das dich zwingt, dich mit den  Fingerspitzen an einem Felsen festzuhalten, aber die Todesgefahr auf offener Straße ist gleichermaßen überall zu sehen.


Es ist schon der fünfte Tag, seit wir in Ushuaia gestrandet sind – und damit liegen wir bereits zwei Tage hinter unserem Zeitplan. Das ist mehr als ärgerlich, zumal die Container mit unseren Bikes schon mit 65 Tagen Vorlauf im Januar auf das Schiff verladen wurden. Und das, obwohl nur 42 Tage nötig gewesen wären. Läge ich jedes Mal 30 Prozent über meinen Kostenvoranschlägen – ich wäre meinen Job längst los. Meine Auftraggeber in Buenos Aires und Southhampton erzählen mir allerdings, dass die Kalkulationen in der Schifffahrt sehr oft völlig daneben liegen.

Mein Fahrer und Mechaniker Jim Wolfe war mit unserem Führer Erik Thomsen unten am Hafen, und wenigstens die Zollabfertigung scheint schnell und unkompliziert abzulaufen. Hoffentlich wird der langsame Schiffstransport durch einen schnelle Ausfuhr aus dem Hafen kompensiert, so dass wir nur vier Tage verlieren. Das ist alles unangenehm, aber noch kein wirkliches Debakel. Wir werden jetzt den Projektbeginn neu planen müssen, um einen Ablaufplan zu erstellen, den wir auch trotz solcher unvorhergesehenen Vorkommnisse einhalten können. Die erste Panamerikanische Expedition begann auch fünf Tage später als geplant, danach konnten wir den Ablaufplan jedoch exakt einhalten. Schon 2002 führte ich 22 Fahrer rund um die Welt: 33 Tausend Meilen quer durch 17 Länder und über 4 Kontinente – eine Reise, die auf 96 Tage geplant war, und die alle Fahrer in 96 Tagen absolvierten.

Ich werde definitv einen Kurs in Zeitmanagement belegen, allerdings nur, wenn ich das mit meinem Ablaufplan unter einen Hut bringen kann. Im letzten Jahr fuhr ich von Prudhoe Bay los, und ich war ganz im Zeitplan, um den Rekord zu brechen, Ushuaia in 21 Tagen zu erreichen. Aber ich mußte die Fahrt drei Tage vor der Ankunft, in Chile abbrechen. Im Endeffekt bin ich bei diesem Versuch wegen mangelhafter Vorbereitung gescheitert. Ohne beheizbare Motorradkleidung konnte sich mein erschöpfter Körper bei der Fahrt durch den Süden einfach nicht erholen. Als zusätzlich Unterlagen und eine Kamera geklaut wurden, war mein Antrieb den Rekord zu brechen, schlicht verpufft.

In meinem Leben als Rekordbrecher fühle ich mich nicht anders als Andere, aber ich bleibe merkwürdigerweise kultiviert. Statt Teil eines völlig anderen Lebens zu sein, muß ich mich – wie viele Andere auch – mit dem Geschäftsleben auseinandersetzen, und die Regeln und Anforderungen des Systems befolgen. Vom Foyer meines Hotels in Ushuaia aus schaue ich herunter auf Wellblechdächer und Wände aus nacktem Porenbeton, aber in der Ferne, jenseits des Beagle Kanals läßt sich bereits die Kordillere erahnen. Der Beginn der Länge des amerikanischen Kontinents ist in greifbarer Nähe. Gezackte Gipfel durchschneiden einen intensiv strahlend blauen Himmel, und man beginnt zu begreifen, warum Dante davon überzeugt war, dass das Paradies auf Erden über diesen „Bergen des Fegefeuers“ liegen muss. Verglichen mit solchen Höhen kann man sich leicht gefangen fühlen in unserer unterirdischen Welt, mit all seiner Wohnzimmerromantik und gemütlichen Rückzugsorten.

Heute ist ein windstiller Tag. Einer dieser Tage, die den Sommer in den Herbst hinein verlängern. Aber etwas weiter nördlich bekommt man eine Vorahnung von den Anden mit all seinen endlosen Horizonten und dichten, dunklen Nebelschwaden. Und während ich vor dem Beginn unserer Reise einen Kaffee trinke, erinnern mich die geriffelten Berge vor meinem geistigen Auge an eine versteinerte stürmische See.
In dieser See werden unsere Mororräder wie kleine Schiffe sein, und unser Abenteuer in eine Reise epischen Ausmaßes verwandeln.

Montag, 28. März 2011 Reisebeginn – Von Ushuaia nach San Sebastian

Die Zollabfertigung ging ungewöhnlicherweise flott - das ist zum Einen unserem Schiffsspediteur aus Buenos Aires, Carlos vo Blue Star Cargo und seinen Jungs, Hector und Alberto zu verdanken, zum Anderen der schlichtenden Art zwischen den Fahrern und dem Zollpersonal, das aus einem kleinem, alten weisshaarigem Mann bestand. Es hat alles etwas sehr Tolkienhaftiges, hier am Ende der Welt.Die Zitadelle von Mordor behauptet seine Macht über die Stadt. Die Juwelierläden und die Fotogeschäfte, die Kasinos und die zahllosen kleinen Restaurants – alle sind dem Gesetz des freien Marktes verfallen, dass sie dazu zwingt, entweder an Touristen zu verkaufen, oder zugrunde zu gehen. Kleine Kreuzfahrtschiffe legen an und wieder ab, um dazwischen meist ältere Frauen auszuspucken, die sich ihre Lebensversicherungen für eine letzte Reise hatten auszahlen lassen, bevor sie das Altersheim rief. Raubeinige Seemänner von Containerschiffen, die nach Panama unterwegs sind, verbringen hier ihre freie Zeit bevor sie wieder durch den Desperado Kanal und an der Westküste Chiles entlangschippern. Von ihren Bullaugen aus werden sie die südlichen Weinanbaugebiete Chiles in Valparaiso und Santiago sehen, und auch die ausgedörrten Wüsten der Atacama. Sie werden die verschiedenen Düfte des Landes wittern, hauptsächlich aber, werden sie den Geruch des Meeres riechen und sein Rauschen hören.
Wir rollten aus dem Hafen und hielten uns östlich der Stadt, bevor wir letztendlich nordwestlich Richtung Magellanstraße fuhren. Bevor wir sie erreichten, mußten wir allerdings den Paso de Garibaldi passieren - eine kleine Kluft durch die Berge, die uns über die Weiten des Landes führte. Eine kühle Sonne schien tapfer durch stürmische Wolken, und während unsere Maschinen langsam den Rhythmus der Reise aufnahmen, fuhren wir Richtung Meer.

Kleine Gebiete mit Feldern zu jeder Seite und Feuchtwiesen gingen über in ein Stakkato von gezackten Gipfeln in der Ferne. Tote Bäume lagen an der Straße, deren Borke vom Wind bereits silbrig geworden war. Wenn es eine dramatisches Bestimmung für das Leben eines Baumes gibt, dann ist es, uns daran zu erinnern, wie sehr südlich wir uns befinden.

Unsere Triumphs and KTMs, BMW GSs, Yamaha XTs und Teneres, und meine eigene, neuen 1200 Super Tenere schossen durch den Dunst und die Fäule des Landes. Man hätte in diesen Abschnitten geradeaus fahren, und zu Tode stürzen können zwischen den verrotteten Stümpfen die aus dem Boden ragten wie zerbrochene Zähne aus dem Kiefer eines alten Mannes.

Vorbei am Rio Grande, der von Lärm aufgebohrter Auspuffe beherrscht wurde, fuhren wir Richtung chilenische Grenze auf Höhe von San Sebastian. Sieben Kilometer weiter, kampierten wir am südlichsten Ende Südamerikas in der Kälte der Nacht am Café Frontera, einem der großartigsten kleinen Cafés der Welt.

30. und 31. März
Rio Gellegos – Rio Chico


Der Wind blies uns über den Bug mit der Art von Stärke, die einer Warmfront vorausgeht. Bei Windböen von bis zu 120 km/h lehnten sich unsere Motorräder so sehr zur Seite, dass wir fast auf den Felgen fuhren. Erst am letzten Tag hatte Phil Cairns, ein netter, vernünftiger Kerl und ein hervorragender Fahrer, bei hoher Geschwindigkeit ein Kippeln entwickelt, das dazu führte, dass er seinen Ellbogen und Lenker als Bremse einsetzte. Bike und Fahrer schnitten eine Furche in die Straße, auf die jeder Bauer stolz gewesen wäre, hätte er sie mit seinem Pflug gemacht. Sein Gesichtsausdruck war reine Verblüffung – wie konnte es sein, dass jemand mit seinen Off-Road-Fahrkünsten wie ein Neuling aussehen würde? Er trägt jetzt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ich fahre wie ein Trottel …“ – was natürlich nicht stimmt. Aber wir sind hier in Patagonien; hier ist es nun mal anders, und man muss sich mit seiner Fahrweise darauf einstellen.

Als wir weiterfuhren, hat es dann plötzlich Scott Williamson und seine Triumph von der Strecke geblasen. In diesem Moment noch auf dem Asphalt und darüber nachdenkend, was wohl im Lunchpaket sei, im nächsten dann schon nach einem 50 Meter langen Ritt über buschartiges Gras mit dem Gesicht in einem Zaun begraben. Unbeeindruckt, wenn auch ein wenig verwirrt, hat er sich erst mal eine Pfeife mit Tabak gestopft. Man hätte sich jetzt gut eine passende Begleitmusik zum ersten Pfeifenzug vorstellen können, und gerade, wenn man sich an dieses Lied der Exzentrik gewöhnt hätte, flogen zwei andere Fahrer vorbei und machten Bekanntschaft mit dem Staub. Während wir Scotts Motorrad aufrichteten, verfehlte uns Andy Stoddart um eine Reifenbreite und legte sich dann mit einem dumpfen Schlag hin. Jim Wolfe, unser Mechaniker und Suport-Fahrer, war etwas perplex. Wann immer er sich in seinem Support-Truck eine CD einlegte, konnte er nie ein Stück zu Ende hören, weil ständig jemand seine Maschine von der Straße geschmissen hatte. Als ich dann allen erzählte, dass die eigentliche Action am Ende der Gruppe wäre, oops, someone did it again. Dieses Mal war es Brian Claque, ein Aussie, auf seiner geliebten, wenn auch müden und sehr gebrauchten Suzuki – ein Bike, das von seinem cleveren Sohn Dan aufgebaut worden war. Die Sturmbö, die ihn von der Straße pustete, war so stark, dass sie einem den Magen hätte auspumpen können. Er wurde eine fast zwei Meter tiefe Böschung hinuntergedrängt, bis er dann irgendwo in der Tundra zu einem holprigen Stop kam.

Jim hob derweil pausenlos abgebrochene Motorradteile auf und lagerte sie in einem Plastikeimer, wo man sie am Ende des Tages einsammeln konnte. Wir kamen zu der Erkenntnis, dass es schon merkwürdig wäre, ein teures Motorrad zu kaufen, nur um es dann bei jeder Gelegenheit von der Straße zu schmeißen. Immer, wenn der Wind stärker wurde, fand sich jemand in einem Zaun oder im Gebüsch wieder. Der mythische Fluchtpunkt war für viele Fahrer nicht irgendwo in weiter Entfernung, sondern eher da, wo sie reincrashen konnten.
Der nächste Tag war nicht weniger aufregend. Es war Donnerstag, und nach einer Campingnacht im Regen erwachten wir an einem klaren, aber bitterkalten Morgen. Die Sonne war diffus, schien aber tapfer vor dem Hintergrund der schneebedeckten Berge. Die Kälte war früh nach Südpatagonien gekommen, aber immerhin hatte sich der Wind abgeschwächt.

100 Kilometer außerhalb von Calafate und 40 Minuten, nachdem wir aufgebrochen waren, machten wir eine Kaffeepause in der La Leonia Ranch. Hier versteckten sich Butch Cassidy und Sundance Kid, nachdem sie eine Bank in Bolivien ausgeraubt hatten. In dieser kleinen Ranch machte auch der legendäre Bergsteiger Tony Egger Station und überlegte, ob er den Cerre Torres besteigen solle. Wenn es ein Bergsteiger-Café gibt, das historischen Ruhm verdient, dann dieses hier.

Man stellt sich ja unsterbliche Orte oft als weit weg gelegen vor, bis man dann merkt, dass man selbst weit weg ist, und zwar genau am erträumten Ort, der auf einmal sehr real ist. So wie zum Beispiel die „Joeys Bar“ des großen Joey Dunlop in Nordirland, oder an einem anderen Ort, wo vielleicht ein legendärer Abenteurer seinen High Tea nimmt.
Angemessen erfrischt fuhren wir weiter. Brians Sohn Danny und seine Ehe-Sozia Becs fuhren voraus, genau wie Craig Dale aus Manchester und seine Kumpel Paul Truelove und John Trevor. Es bildeten sich Gruppen und Freundschaften. Es war in einer sehr fremden Welt schön zu sehen, wie Fremde die Gesellschaft der anderen genossen. Wir waren also bald wieder unterwegs und tankten in Tres Lagos, wo aus dem Asphalt Piste wurde.

Die Hügel wurden flacher und die Strecke füllte sich mit Schotter. Die Ebenen erstreckten sich bis zu weit entfernten Bergen, und der Himmel um uns herum wirkte unendlich. Unser Blickfeld verengte sich zu den schmalen Streifen gebrannter Erde, die von den vielen dort fahrenden Fahrzeugen von Steinen gesäubert waren. Im Zentrum dieser Streifen, eine Autobreite auseinander, häuften sich Schotterfurchen, die aussahen, als hätte man sie zur Seite gepflügt. Sam Wilson traf eine dieser Furchen mit hoher Geschwindigkeit und legte sich mit einem Tank-Slapper zu Boden. Wie bei seinem Freund Phil wurde die Seite seiner wunderbaren orangefarbenen KTM Adventure zur Bremse.
John Dawson, der Bauunternehmer, fuhr in ein Ginstergebüsch, und Scott legte seine Triumph noch mal auf die Seite (und wieder griff er zur Pfeife). Per Reinolf, ein Schwede, der mit seiner Tochter Ebba als Sozia mitfuhr, rutschte auf einem See aus Kieselsteinen aus, der die Straße wie Murmeln bedeckte.

Am späten Nachmittag, als wir wild am Rio Choco zelteten – ein kleiner Fluss, der durch die entlegene Pampa fließt –, waren alle sicher beisammen. Wir machten unsere Feuer und wärmten unser Abendessen auf.

Immer noch in Argentinien

Wir waren kurz in Chos Malal, einer staubigen Kleinstadt in einer halbtrockenen Wüste irgendwo in der Mitte von Südargentinien. Es könnte Mexiko sein, liegt aber nur zwei Tage nördlich von Patagonien. Unsere Reise nach Alaska ist immer noch auf der ersten Stufe einer sehr langen Leiter, einen langen Aufzugschacht entfernt von etwas Bedeutenderem. Plötzlich ließ der Wind nach; ihm folgte Hitze, die sich schwer auf uns legte.

Nachdem wir für Benzin angestanden hatten, ließen wir uns in einem Parilla nieder, um zu essen und zu trinken. Der Lokführer Richard Niven hatte 74 Gigabyte Speicherplatz auf seinen diversen Fotoapparaten und knipste quasi alles – eine Tür, wo er saß, die heiße Schokolade, die er trank. Seine Helmkamera hatte schon Dutzende Stunden der vor ihm liegenden Straßen gefilmt, und wann immer er stoppte, führte er ein geistiges Tagebuch über seine gesamte Umgebung. Als ähnlich gestrickter Unterwegs-Tagebuch-Führer konnte ich dieses zwanghafte Verhalten bestens verstehen. In der US-Filmsatire Die Truman Show aus dem Jahr 1989 war Truman Burbank nicht bewusst, dass er Teil einer konstruierten Wirklichkeit ist – so wie den meisten von uns auf dieser Reise. Richard fotografierte die Mahlzeiten auf seinem Teller, bevor er sie aß, und zweifellos sind auch Büsche und Bäume und Gegenstände aller Art in der Wüste nicht seiner Aufmerksamkeit entgangen. Dieser Mann war entschlossen, sein Abenteuer bis zum letzten auszuquetschen wie eine Zitrone in einen harten Drink, und wer könnte ihm das übelnehmen? Als Lokführer, der regelmäßig zwischen Edinburgh und Leeds unterwegs war, musste er schon auf unzählige Kilometer von geraden Strecken blicken. Er hätte vielleicht diese Rechnung anstellen können: Wenn jedes Bild mit einer geringen Auflösung von 28 Bildpunkten pro Quadratzentimeter eine Größe von 20 x 10 Zentimeter hätte, würden seine 74 Gigabytes – 4.200.000 Bilder – für die Strecke von Buenos Aires über den Südatlantik bis nach London reichen, wenn man sie aneinanderlegen würde. Er trank seine heiße Schokolade und stand auf; vermutlich, um noch mehr Aufnahmen zu machen.

Ein eigenartiger und gleichzeitig irritierender Teil meiner Ei-mit-Pommes-Mahlzeit war die heißblütige Kellnerin im Don Pasto’s Restaurant. Sie trug ein Kleid mit verblasstem Blumenaufdruck, das verführerisch von ihrer rechten Schulter rutschte. Ihr Bedienen war sexy, aber langsam, und als sie sich über die Jungs beugte, um ihre Bestellung aufzunehmen, bot sie einen großzügigen Einblick in ihren Ausschnitt. Um ein Erröten zu vermeiden und nicht die begeisterten Fahrer ansehen zu müssen, blickte ich aus dem Fenster. Die Sonne strahlte, und mir fiel auf, dass sich die Blätter an den Bäumen schon herbstlich verfärbten.

Durch das Fenster sah ich außerdem David, der sich sichtlich Sorgen machte, dass die Reservebenzinkanister in der Hitze explodieren könnten. Die Bestürzung auf seinem Gesicht wirkte so, als würde er damit rechnen, dass sie jeden Moment explodieren könnten. Er bat gelassen um einen Kübel mit Wasser und versenkte dann sofort seine Kanister darin. Vielleicht gibt es ja einen mathematischen Koeffizienten oder Algorithmus, der erklärt, wann und warum genau Benzin explodiert und ob David genau das Richtige getan hat.

Inmitten der Kühle des Restaurants wurde zu Mittag gegessen, und in der jetzt ruhigen Stadt war alles zum Stillstand gekommen. Eine andere Kellnerin kam, um unser Geschirr abzuräumen. Wir waren wie in einer Luftblase, und derlei Details begannen uns zu fesseln. Aber wir mussten uns von der Faszination der argentinischen Frauen losreißen und weiterfahren; gefasst auf Bolivien, wo die Damen Bowlerhüte tragen und in so viele Lagen von Röcken und Strickwaren eingewickelt sind, dass sie den Gegenentwurf darstellen zu der westlichen Vorstellung davon, wie eine Frau auszusehen hat. Nebenbei bemerkt ist es eine Tatsache, dass bolivianische Frauen auf ihrem Rücken Gewichte schleppen können, bei denen Maultiere ohnmächtig werden würden. Bolivianische Maultiere sind zähe Tiere, aber die Frauen sind kräftiger.

Zurück auf der Ruta 40 nach Malargue, und die Piste schneidet sich ihren Weg durch einen Talkessel, der von einer Kordillere umgeben ist. Seitliche Öffnungen und ausgebrannte Spitzen; der weggesprengte Gipfel eines schon lange ruhenden Vulkans, der mindestens 7000 Meter hoch war. Die Piste wand sich durch gebranntes Piment und Braun, und überall lagen die Puzzleteile von herausgesprengtem schwarzem Basalt, der noch in der Luft erstarrt war, ehe er auf dem Boden auftraf. Inmitten dieser geologischen Pracht war die Fahrt einfach großartig. Mit all den Kurven und Windungen, dem Gefälle und den Steigungen und den Farben, die so taten, als seien sie Grün, dann aber Braun, war es eine grandiose Demonstration der topographischen Großartigkeit Argentiniens. Keine Gegend, durch die ich gefahren bin, ist so voller herrlicher Natur wie die legendäre Ruta 40 an diesem wunderschönen Ort.

Es warf mich auf die Piste, und als ich die kleine Brücke über den taschengroßen Canyon beim Rio Grande erreichte, war Andy Cunningham bis zu den Ellbogen in Schmiere und Draht beim Versuch, ein Problem mit der Batterie zu beheben. Seine Harley Davidson Sportster war das Bike, das wir alle mit Beklemmung beobachteten, und wenn ein günstiger Wind ein Zeichen war, dass es voran ging, würde sein Segel die nächste Brise einfangen.

Was mich und meine Super Tenere angeht: Ich spüre jetzt, wie so langsam das Tier im Motor erwacht. Nach so vielen Jahren auf einer R1 passen sich das Handling des Bikes, seine Stimmung, wie es auf die Belastung durch mich und die Packtaschen reagiert, wie es Kurven umrundet, langsam meinen Vorstellungen an. Wir sind vorsichtig, das Motorrad und ich, und lernen uns langsam kennen. Anders als bei der R1, wo es Liebe auf den ersten Blick war, ist das jetzt eine Affäre, die sich langsam entwickeln wird, dafür umso befriedigender, basierend auf gegenseitigem Respekt und nicht wenig Bewunderung.

 

Die Straße nach Uyuni in Bolivien

Die Straße durch die Berge von der bolivianischen Grenze bei Villazon nach Uyuni ist zweifellos eine der aufregendsten Strecken der Welt. Die 210 Kilometer von Tupiza zu dieser bolivianischen Kleinstadt, weltbekannt durch den nahen Salzsee Salar de Uyuni, ist eine kurvige Angelegenheit für heroisches Fahren, die von Ängstlichen besser nicht versucht wird. Die Straße ist eine Bewährungsprobe für erstklassige Fahrer; eine Strecke, mit der sich nur wenige messen können, und die Mythen, die sich um sie ranken, sind voller Helden.

Wir sind an der Grenze zu Bolivien. Danny ist der große Kerl aus Australien, der mit Becs ausgeht, mit seinem Dad Brian fährt, und hinterher sind sie alle wieder in Australien. Für die Clagues aus Melbourne ist diese Expedition sehr wichtig, sie dient auch dem Familienzusammenhalt. Es ist eine feine Sache, wenn eine Person die komplette Amerika-Strecke fährt; schafft es aber eine ganze Familie, ist es wirklich unvergesslich. Was wir nicht ahnten, als wir in der Sonne standen und uns aufgeregt darauf freuten, in dieses außergewöhnliche Land einzureisen, war, dass der Tag für die Clagues mit einem Unfall enden würde.

Die Fahrer stehen immer noch für ihre Visa an, und Danny hat wegen der Höhe eine niedrige Sauerstoffsättigung von nur 87 %. Falls der Wert noch weiter fällt, bekommt er von unserem Doc eine Dosis Acetazolimide, damit sein Körper auch mit weniger Sauerstoff funktioniert. Es gibt noch andere Medikamente, die man ebenfalls nehmen könnte, aber wenn die alle nicht wirken, wäre das letzte Hilfsmittel die Impotenz-Pille Viagra. Diese revolutionäre Pille, die den Blutfluss im Corpus Sponiosum des Penis erleichtert, hat auch eine hilfreiche Wirkung bei der Höhenkrankheit. Keiner weiß, warum es wirkt, aber man weiß, dass es zu Gereiztheit und manchmal auch zu gewalttätigem Verhalten führen kann. Ich kam ins Grübeln: Wenn ein großer Kerl wie Danny auf einmal unangenehm würde, mit pochenden Kopfschmerzen und einem Ständer, wüsste nur Gott alleine, was passieren würde, wenn man mit ihm im Aufzug oder Schlafsaal gefangen wäre, nachdem er eine Pille eingeworfen hätte. Ich wollte mir ein solches Szenario nicht länger ausmalen und blickte hoch. Die Schlange für die Einreise nach Bolivien hatte sich seit unserer Ankunft halbiert. Viele der Fahrer waren schon auf ihren Bikes und unterwegs in Richtung Turpiza.

Indem wir über eine kleine Brücke zu einem kleinen verschmutzen Gebäude fuhren, sind wir vom argentinischen Teil der Grenze ins eigentliche Bolivien gelangt. Kleine alte Damen mit Schürzen und merkwürdigen Bowlerhüten, die etwa halb so groß sind, wie man es von normalen Menschen erwartet. Sie humpeln mit verwirrtem Gesichtsausdruck durch die Gegend und sind gut an das Leben auf 2500 Metern Höhe über dem Meeresspiegel angepasst. In dieser Höhe und noch weiter oben passt sich der menschliche Körper auf seltsame Weise an den Mangel an Sauerstoff an, z. B. durch tonnenförmige Brustkörbe, die vergrößerte Herzen und Lungen aufnehmen müssen und mit diesem Mehr an Gewicht zu O-Beinen führen.

Im Land der Kleinen – also Bolivien – fühle ich mich groß. Es ist ein seltenes, aber nettes Gefühl, über die Straße zu gucken, ohne dass mir jemand mit seinem Kopf die Sicht versperrt. Später am Abend bekam ich mit, dass der Amerikaner Paul erzählte, wie mal ein Bekannter von ihm in Las Vegas eine Zwerg-Stripperin engagiert hatte. Vielleicht der perfekte Job für eine bolivianische Frau, merkte einer an, und als wir dann bei Blow-Jobs im Stehen angelangt waren, hielt ich es für besser, schnell aufzubrechen.

Die Straße nach Uyuni, eine einspurige Strecke mit geriffelter Oberfläche und Kies und zwischendurch auch glatten Abschnitten, wand und zog sich durch eine Landschaft, die uns in eine urzeitliche Welt entführte. Geomorphologische Gesteinsschichten waren hier offensichtlich verdichtet und gepresst, und mittendrin zeigten sich die Farben von Kupfer und Eisen. Die Straße wand sich und führte bergab und bergauf und tänzelte mit einer solchen Pracht, dass ich daran denken musste, wie phantastisch es ist, in einer solchen Landschaft Motorrad zu fahren. Die Stunden vergingen, aus einem hellen windigen Tag wurde zuerst Dämmerung und dann Nacht. Aus der geriffelten Oberfläche wurde Sand und noch mehr Kies. Ich fuhr gleichmäßig weiter und überholte einen Fahrer nach dem anderen, bis ich eine kleines Grüppchen am Ende des Feldes anführte.
Plötzlich, auf einer Wüstenebene auf 2700 Metern Höhe, lag ein Fahrer auf dem Boden. Der Wind wirbelte Sand auf, Danny war in Panik und Becs in Tränen aufgelöst. Brians V-Strom stand reglos auf der Straße, und unter einer roten Regenhaut wähnte ich Brian ernsthaft verletzt oder tot. „Es ist mein Dad“, sagte Danny, „er hat sein Auge verletzt, ein Gummizug hat ihn da getroffen.“

Brian war – wie schon Danny vor ihm – gestürzt. Um sein Motorrad aufzurichten, hatten sie das Gepäck abgenommen. Beim Wiederbefestigen des Tankrucksacks war Brian ein Gummizug aus den Fingern gerutscht und hatte ihn mit voller Wucht auf der Hornhaut getroffen. Sein Gesicht war blutüberströmt. Vorhin war der Amerikaner Paul von einem Truck von der Straße gedrängt worden, worauf es seinen Anhänger in zwei Teile zerlegt hatte. Jim war irgendwo hinten und versuchte, den Anhänger zu reparieren. Ich bat also Danny, Brian als Sozius mitzunehmen und Becs bei Richard, dem Lokführer zu lassen; danach würde er dann mit einem Taxi zurückkommen, um sein Bike zu holen. Es war organisiertes Chaos, aber es funktionierte. Im Wind und in der Kälte, auf einer schlechten Straße im Dunkeln, in großer Höhe in einer der unwirtlichsten Landschaften der Erde mussten wir mit einem Unglücksfall fertig werden. Was wir auch taten. Und morgen ist wieder ein Tag, und wir werden wieder mit allem fertig werden müssen, was so passiert.