Der Wind blies uns über den Bug mit der Art von Stärke, die einer Warmfront vorausgeht. Bei Windböen von bis zu 120 km/h lehnten sich unsere Motorräder so sehr zur Seite, dass wir fast auf den Felgen fuhren. Erst am letzten Tag hatte Phil Cairns, ein netter, vernünftiger Kerl und ein hervorragender Fahrer, bei hoher Geschwindigkeit ein Kippeln entwickelt, das dazu führte, dass er seinen Ellbogen und Lenker als Bremse einsetzte. Bike und Fahrer schnitten eine Furche in die Straße, auf die jeder Bauer stolz gewesen wäre, hätte er sie mit seinem Pflug gemacht. Sein Gesichtsausdruck war reine Verblüffung – wie konnte es sein, dass jemand mit seinen Off-Road-Fahrkünsten wie ein Neuling aussehen würde? Er trägt jetzt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ich fahre wie ein Trottel …“ – was natürlich nicht stimmt. Aber wir sind hier in Patagonien; hier ist es nun mal anders, und man muss sich mit seiner Fahrweise darauf einstellen.
Als wir weiterfuhren, hat es dann plötzlich Scott Williamson und seine Triumph von der Strecke geblasen. In diesem Moment noch auf dem Asphalt und darüber nachdenkend, was wohl im Lunchpaket sei, im nächsten dann schon nach einem 50 Meter langen Ritt über buschartiges Gras mit dem Gesicht in einem Zaun begraben. Unbeeindruckt, wenn auch ein wenig verwirrt, hat er sich erst mal eine Pfeife mit Tabak gestopft. Man hätte sich jetzt gut eine passende Begleitmusik zum ersten Pfeifenzug vorstellen können, und gerade, wenn man sich an dieses Lied der Exzentrik gewöhnt hätte, flogen zwei andere Fahrer vorbei und machten Bekanntschaft mit dem Staub. Während wir Scotts Motorrad aufrichteten, verfehlte uns Andy Stoddart um eine Reifenbreite und legte sich dann mit einem dumpfen Schlag hin. Jim Wolfe, unser Mechaniker und Suport-Fahrer, war etwas perplex. Wann immer er sich in seinem Support-Truck eine CD einlegte, konnte er nie ein Stück zu Ende hören, weil ständig jemand seine Maschine von der Straße geschmissen hatte. Als ich dann allen erzählte, dass die eigentliche Action am Ende der Gruppe wäre, oops, someone did it again. Dieses Mal war es Brian Claque, ein Aussie, auf seiner geliebten, wenn auch müden und sehr gebrauchten Suzuki – ein Bike, das von seinem cleveren Sohn Dan aufgebaut worden war. Die Sturmbö, die ihn von der Straße pustete, war so stark, dass sie einem den Magen hätte auspumpen können. Er wurde eine fast zwei Meter tiefe Böschung hinuntergedrängt, bis er dann irgendwo in der Tundra zu einem holprigen Stop kam.
Jim hob derweil pausenlos abgebrochene Motorradteile auf und lagerte sie in einem Plastikeimer, wo man sie am Ende des Tages einsammeln konnte. Wir kamen zu der Erkenntnis, dass es schon merkwürdig wäre, ein teures Motorrad zu kaufen, nur um es dann bei jeder Gelegenheit von der Straße zu schmeißen. Immer, wenn der Wind stärker wurde, fand sich jemand in einem Zaun oder im Gebüsch wieder. Der mythische Fluchtpunkt war für viele Fahrer nicht irgendwo in weiter Entfernung, sondern eher da, wo sie reincrashen konnten.
Der nächste Tag war nicht weniger aufregend. Es war Donnerstag, und nach einer Campingnacht im Regen erwachten wir an einem klaren, aber bitterkalten Morgen. Die Sonne war diffus, schien aber tapfer vor dem Hintergrund der schneebedeckten Berge. Die Kälte war früh nach Südpatagonien gekommen, aber immerhin hatte sich der Wind abgeschwächt.
100 Kilometer außerhalb von Calafate und 40 Minuten, nachdem wir aufgebrochen waren, machten wir eine Kaffeepause in der La Leonia Ranch. Hier versteckten sich Butch Cassidy und Sundance Kid, nachdem sie eine Bank in Bolivien ausgeraubt hatten. In dieser kleinen Ranch machte auch der legendäre Bergsteiger Tony Egger Station und überlegte, ob er den Cerre Torres besteigen solle. Wenn es ein Bergsteiger-Café gibt, das historischen Ruhm verdient, dann dieses hier.
Man stellt sich ja unsterbliche Orte oft als weit weg gelegen vor, bis man dann merkt, dass man selbst weit weg ist, und zwar genau am erträumten Ort, der auf einmal sehr real ist. So wie zum Beispiel die „Joeys Bar“ des großen Joey Dunlop in Nordirland, oder an einem anderen Ort, wo vielleicht ein legendärer Abenteurer seinen High Tea nimmt.
Angemessen erfrischt fuhren wir weiter. Brians Sohn Danny und seine Ehe-Sozia Becs fuhren voraus, genau wie Craig Dale aus Manchester und seine Kumpel Paul Truelove und John Trevor. Es bildeten sich Gruppen und Freundschaften. Es war in einer sehr fremden Welt schön zu sehen, wie Fremde die Gesellschaft der anderen genossen. Wir waren also bald wieder unterwegs und tankten in Tres Lagos, wo aus dem Asphalt Piste wurde.
Die Hügel wurden flacher und die Strecke füllte sich mit Schotter. Die Ebenen erstreckten sich bis zu weit entfernten Bergen, und der Himmel um uns herum wirkte unendlich. Unser Blickfeld verengte sich zu den schmalen Streifen gebrannter Erde, die von den vielen dort fahrenden Fahrzeugen von Steinen gesäubert waren. Im Zentrum dieser Streifen, eine Autobreite auseinander, häuften sich Schotterfurchen, die aussahen, als hätte man sie zur Seite gepflügt. Sam Wilson traf eine dieser Furchen mit hoher Geschwindigkeit und legte sich mit einem Tank-Slapper zu Boden. Wie bei seinem Freund Phil wurde die Seite seiner wunderbaren orangefarbenen KTM Adventure zur Bremse.
John Dawson, der Bauunternehmer, fuhr in ein Ginstergebüsch, und Scott legte seine Triumph noch mal auf die Seite (und wieder griff er zur Pfeife). Per Reinolf, ein Schwede, der mit seiner Tochter Ebba als Sozia mitfuhr, rutschte auf einem See aus Kieselsteinen aus, der die Straße wie Murmeln bedeckte.
Am späten Nachmittag, als wir wild am Rio Choco zelteten – ein kleiner Fluss, der durch die entlegene Pampa fließt –, waren alle sicher beisammen. Wir machten unsere Feuer und wärmten unser Abendessen auf.
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